Nils Busch-Petersen – Grußwort, Petra Pau, 07.05.2024
Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Nils Busch-Petersen,
kürzlich brachte der TV-Sender „arte“ eine vierteilige französische Dokumentation über die Geschichte des Antisemitismus. Sie reichte vom 1. Jahrhundert der Zeitrechnung bis in die 1980er Jahre. Wobei das Wort „Antisemitismus“ als Synonym für Hass gegen Jüdinnen und Juden, weil sie Jüdinnen und Juden sind, erst ab dem 19. Jahrhundert publik wurde.
Aber das ändert nichts an der Geschichte von Diskriminierung und Verfolgung, die im Nationalsozialismus zwischen1933 bis 1945 zweifelsfrei ihren einzigartigen Höhepunkt erreichte:
Millionen Jüdinnen und Juden wurden im „Holocaust“ oder der „Shoa“ ermordet. Ein systematisches Verbrechen – das wissen alle hier Anwesenden.
Trotzdem halte ich die Ausstrahlung der Dokumentation für sehr wichtig. Es begegnet uns im Alltag immer noch zu viel Ahnungslosigkeit, Nichtwissen, Desinteresse…
Dabei war auch nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus Antisemitismus nicht passé, auch heute ist es nicht der Fall. Im Gegenteil: Das vergangene Jahr stellte einen erschreckenden Höhepunkt dar.
Im 4. Quartal 2023 wurden mehr antisemitische Straftaten registriert als in allen drei vorherigen Quartalen. Im Schnitt waren es mindestens sechs pro Tag. Das ist die offizielle Antwort auf meine regelmäßigen Fragen an die Bundesregierung. Die tatsächliche Zahl dürfte viel höher liegen. Entgegen landläufiger Annahme ist es jedoch nicht der sogenannte islamische Antisemitismus, der überwiegt. Vielmehr ist es der rechtsextremistisch motivierte Antisemitismus, der sich weiterhin als dominant erweist.
Jüdinnen und Juden geben sich aus Furcht nicht mehr als solche zu erkennen. Viele erwägen eine Auswanderung nach Israel. Das ist eine Schande für die Bundesrepublik Deutschland und natürlich ein Auftrag an den Staat, konsequent gegen Antisemitismus vorzugehen.
Nach dem 7. Oktober 2023 wurde auch im Bundestag mehrfach dazu debattiert. Ich gestehe, ich fühle mich inzwischen hilflos und werde auch wütend. Noch immer tragen viele den Satz, „Antisemitismus hat keinen Platz in unserer Gesellschaft“ wie eine Monstranz vor sich her.
Alle wissen, das ist Unsinn …
… Aber wichtiger und entscheidender ist der Widerstand der Gesellschaft gegen Antisemitismus, für Demokratie und Bürgerrechte. Und damit wäre ich wieder bei Nils Busch-Petersen.
Wir haben uns Anfang der 1990er Jahre kennengelernt und sind uns immer wieder begegnet, wenn es auf Veranstaltungen oder Kundgebungen gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus ging. Dabei agierte er als Repräsentant des Einzelhandels, erst von Berlin, seit 2005 von Berlin-Brandenburg.
Vor einigen Jahren gab es eine Studie. Sie kritisierte, dass Jugendliche erstmals etwas von Jüdinnen und Juden erfahren, wenn im Geschichtsunterricht der Holocaust behandelt wird. Jüdinnen und Juden werden für sie so als Opfer wahrgenommen, nicht aber als Teil der Gesellschaft. Nils Busch-Petersen hat stets dagegen agiert. Ein Beispiel dafür ist das Louis-Lewandowski-Festival.
Andreas Nachama hat uns heute einen beeindruckenden Einblick in die Geschichte und Bedeutung der Synagogal-Musik und die Rolle von Louis Lewandowski gegeben.
Ich empfehle das Erleben dieser, beim Festival, welches ohne Nils Busch-Petersen nicht denkbar wäre, aus eigener Erfahrung sehr. Das Festival ist das bedeutendste seiner Art in Deutschland (Europa?) und vermittelt den Reichtum und die Vielfalt synagogaler Musik.
Es vermittelt nicht nur wichtige Aspekte jüdischer Kultur, sondern trägt diese auch in die Mitte unserer Stadt – auf Plätze und in Kirchen?
Besonders herauszustellen ist aber, dass Nils Busch-Petersen mit dem Lewandowski-Festival seit 2011 jüdische Liturgie und synagogale Chormusik an einen Ort zurückholt, der immerhin Ausgangspunkt des größten Menschheitsverbrechens war und wo die Auslöschung jüdischer Kultur vor 79 Jahren noch Staatsziel war.
Damit leistet das Lewandowski-Festival einen unschätzbaren Beitrag für die Vermittlung jüdischen Lebens in unserem Land. Vor allem aber weckt es Neugierde und Interesse, sich mit jüdischer Kultur zu befassen – und wirkt damit gegen das Gift des Antisemitismus.
Nils Busch-Petersen und ich wurden beide vor Jahren als Mitglieder in den „Berliner Ratschlag für Demokratie“ berufen und wir sind uns einig und besorgt: Die Demokratie ist gefährdet, aus verschiedenen Gründen.
Ich sage: Wir brauchen viele und mehr engagierte Bürgerinnen und Bürger, die wie Nils Busch-Petersen für Demokratie und Bürgerrechte streiten.
Lieber Nils Busch-Petersen,
heute verleiht Ihnen die Berliner Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit die Jeanette-Wolff Medaille. Dazu auch meine dankbaren Glückwünsche.
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