Lernen aus den Jahren der Geschichte

Rede von Dr. Joachim Kramarz

Eröffnungsveranstaltung der Berliner "Woche der Brüderlichkeit" 1999, Nikolaikirche

Wir erleben in Deutschland gerade wieder eine besonders heftige Diskussion über die Bewältigung der Nazi-Vergangenheit. Dieser Diskussionen werden wir erst Herr, wenn wir einsehen, daß wir der Bewältigung nicht Herr werden. Aber es ist Mode geworden in Deutschland, daß jemand, der einen respektablen Katheder zu erklimmen privilegiert ist, sich berufen fühlt, zur deutschen Vergangenheit und deren Bewältigung etwas kundzutun. „Lernen aus den Jahren der Geschichte": Ich will diesen Spruch des Jahres ganz handfest anwenden. Das sollte man doch in Deutschland in den Jahren gelernt haben, daß jeder Versuch, Schlußstrichaussagen zu machen, zu Eruptionen des Widerspruchs herausfordert. Gerade das Thema, das man stillereden will, wird damit erst wieder lautstark anfacht, wenn auch nicht jede Replik - das sei auch gesagt - von einer besonderen Eleganz des Wortes geprägt ist. Wer sich das Flair eines unabhängigen und besonders originellen Geistes zu geben versucht, suche andere Themen.

In Deutschland haben zwei Räuber-Systeme Staatsmacht gewonnen und bei vielen Deutschen eine Räubermentalität erzeugt, wobei sich das Nazi-Regime noch ungleich grausiger und verheerender auf die Zersetzung der bürgerlichen Moral ausgewirkt hat als die SED-Diktatur. Das Nazi-Regime hat das moralische Bewußtsein in Deutschland durch seinen Heroengestus und sein Nationalpathos derart vermindert, daß viele nichts daran fanden, sich Beutegut aus jüdischen Wohnungen anzueignen, so wie der Staat sich nichts daraus machte, mit dem Zahngold der ermordeten Juden internationale Geschäfte zu bezahlen.
Und diese Zersetzung der bürgerlichen Moral wirkt sich bis heute aus: nicht nur bei den Brandenburgischen Glatzköpfen, sondern auch bei Bank- und Versicherungsleuten, die bis in die letzten Jahre hinein versuchten, Gelder von jüdischen Konten im Betrieb zu behalten, oder bei Menschen, die nicht bereit sind, Gewinne aus ehemals jüdischem Grundbesitz mit den Opfern und ihren Nachkommen zu teilen.

Auch die Äußerungen über das Holocaust-Denkmal gehören in diese verquere Diskussion. Sie kommen oft von Leuten, die gewählt und berufen worden sind, ohne daß ihre Weisheit in dieser Frage vorab getestet werden konnte. Dann haben sie plötzlich das Amt und damit auch eine Meinung. Dabei ist die Frage, ob denn ein Mahnmal für die ermordeten Juden im innersten geographischen Kern der neuen Bundeshauptstadt stehen soll, gar nicht zu diskutieren. Denn die Frage kann, wenn sie erst einmal aufgeworfen wurde, nur bejaht werden. Und zu so einem Mahnmal wird niemand gern hingehen, wie es sich Bundeskanzler Schröder wünscht und es wird keine Flaniermeile; das ist kein Indiz für die richtige künstlerische Lösung. Man geht auch nicht gern nach Yad Vashem, wenn man auch fasziniert ist von den Lösungen, die dort gefunden wurden, z. B. bei dem Memorial für die ermordeten Kinder, bei dem einem der Atem stockt.

Dr. Joachim Kramarz: Katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin