Prüfet alles, behaltet das Gute!

Vortrag von Dr. Ansgar Koschel

zur Eröffnung der "Woche der Brüderlichkeit" in Berlin am 6. März 2005

Prüfet alles, behaltet das Gute!
Eine ziemlich angstfreie Aufforderung. Sagen wir sie unseren Kindern, unseren Angestellten, Untergebenen, Parteigenossen, Wählern: Machen wir nicht doch Einschränkungen - zumindest dadurch, dass wir bedeutsam sagen, was das Gute ist? - was wir als Eltern, Vorgesetzte, Vorstände, Parteispitzen ... für gut halten - und das in der stets geforderten Geschlossenheit?
Eine Aufforderung mit ziemlich viel Vertrauen, Zuversicht - oder ist sie zu idealistisch?
Denken, reden und handeln nicht viele genau anders: Es lohnt sich nicht, anderes anzusehen, das ist nicht gut. Schuster, bleib bei Deinem Leisten. Kenne mer net, bruche mer net, fut damit (Kölnischer Dialekt)?

- Oder: wie würden Sie eine gegenteilige Aufforderung formulieren? -

"Prüfet alles...!" Passt diese Aufforderung in unsere Zeit? Passt sie in jede Zeit? Sie ist schließlich 2000 Jahre alt.
Paulus gibt sie als Weisung der Gemeinde von Thessaloniki - im 1. Brief an die Thessalonicher 5,21. Meint er es ganz allgemein? Für jede Zeit und Situation?
Paulus, der sich nach seiner Hinwendung zur Jesus-Gruppe als Gesandter, Apostel des Evangeliums Gottes in Christus sieht, schreibt seinen ersten uns erhaltenen Brief an eine Gemeinde, die sich von den Götzen zu Gott bekehrt hat (1,9), also an Christen, die nicht aus dem Judentum kamen. Er nennt die wichtigsten Glaubensartikel (1,9b-10) und will die Gemeinde in ihren Bedrängnissen aufrichten, damit keiner wankt (3,1-4). Er sieht sie - durch Nachrichten seines Mitarbeiters Timotheus - in guter Verfassung, gibt ihnen, den Christen in Thessaloniki, jedoch eine Reihe von guten Mahnungen (4,3-8.9ff), fordert sie auf zur Bereitschaft am Tag des Herrn. Abschließend folgen Anweisungen an die Gemeinde:

- die Leiter der Gemeinde zu achten,
- sich in der Gemeinde gegenseitig zurechtzuweisen, zu ermutigen gegen Ängstlichkeit.
- nicht Böses mit Bösem zu vergelten, sondern das Gute zu tun.

Er schreibt:

- Freut euch zu jeder Zeit (10).
- Betet ohne Unterlass (17).
- Dankt für alles (18).
- Löscht den Geist nicht aus (19).
- Verachtet prophetisches Reden nicht (20).
- V 21f: Prüft alles, behaltet das Gute! Meidet das Böse in jeder Gestalt!

In den Kontext von "Löschet den Geist nicht aus!" und von prophetischer Rede gehört also das Motto der Woche der Brüderlichkeit.
Eine Mahnung, nicht den status quo zu sanktionieren. Auch die Adressaten waren mit viel Neuem konfrontiert, sie lebten in einer Zeit des Umbruchs, der Unsicherheit, der Anfechtung, ja des Multi-Kulti, der verschiedensten religiös(-politischen) Kulte (vgl. Frankemölle im Themenheft 2005, S.28). Sie waren selbst Teil dieses Umbruchs, dadurch dass sie sich der Heilsbotschaft öffneten, die Paulus ihnen von dem e i n e n Gott brachte. Dieser Glaube begann das Imperium Romanum in Brand zu setzen, wie Chesterton tiefsinnig bemerkte.
Gibt ihnen dieser Glaube die Kraft, alles zu prüfen? Sicherlich, da sie nicht mehr hinter jedem Ereignis und Ort, in jeder Situation einen anderen Gott als wirksam befürchten bzw. besänftigen mussten. Ein Akt der Befreiung!
Und heute: Die Strebung zu vielerlei gottähnlichen Kräften -am Himmel, unter der Erde oder als Amulette - bindet sie nicht heute wieder Menschen? Es erscheint ihnen leichter als an einen Gott zu glauben. Und man zieht sich zurück auf okkulte Praktiken naturreligiöser Art, die die Propheten im Namen des einen Gottes bereits schroff kritisiert haben. Befreiung, die Welt als Schöpfung Gottes zu sehen, nicht als Götterwelt mit numinösen Kräften, das ist das eine, was einen solchen Imperativ erlaubt. Befreit, angstfrei läßt sich dann sagen: Prüfet alles!

Ein zweites:
Prüfet! heißt es - nicht: nehmt alles an, was so im Trend liegt, was man macht, denkt, was sich so entwickelt. Das wäre ja so etwas wie Verehrung der Schicksalsgöttin Tuch (tychae) - oder es wäre Produkt eines mechanistischen Weltbildes, der Zwang anagkh (anangchae ) regierte.
Prüfet! nimmt den Verstand ernst, den Geist. Löschet den Geist nicht aus, heißt es in Vers 19. Die Fähigkeit des Menschen zum Prüfen wird hier vorausgesetzt, doch zugleich erfolgt die Mahnung, den Geist nicht auszulöschen. Ich übersetze das ins Heutige: Der Geist wird zu gern ausgelöscht, damit Menschen eine eigene Prüfung nicht mehr notwendig erscheint. Das Gefühl soll's richten - ein diffuses religiöses /religiös instrumentalisiertes gar- , oder es wird einer Scheinprüfung das Wort geredet. Was gut ist für die werbende Firma, Partei, Organisation wird gekonnt dem Menschen vorgestellt. Werden dabei Qualitätsmerkmale, geprüfte Erkenntnisse, Leistungsvergleiche vorgetragen?
Zugleich: Zu leicht verzichtet man auf eigene Prüfung - nicht zuletzt aufgrund der Fülle gleichartiger Angebote. Prüfet alles ... Es geht aber nicht nur um Warentests und Analyse von Werbestrategien, es geht um Prüfung von Weltsichten, Glaubensangeboten ... Aber da lässt sich gar nicht so einfach eine Trennlinie ziehen. Nicht nur Jeans sind eine Weltanschauung - denken Sie an das Theaterstück von Plentzdorff, Die neuen Leiden des jungen W - , auch andere Artikel. Wo ich mich organisiere, was ich wähle, das hat oft auch mit Weltsicht, -anschauung zu tun: und meine Sicht bzw. Anschauung hindert mich, ordentlich, vorurteilsfrei zu prüfen.

Und Paulus nimmt sich nun die Freiheit zu sagen: Prüfet alles!
Das war eine Herausforderung angesichts des religiösen Marktes damals, angesichts der geforderten Plausibilitäten im Imperium Romanum.
Das ist eine Herausforderung heute angesichts der geforderten Plausibilitäten (man macht, man trägt, man wählt ...) und angesichts des religiösen wie weltanschaulichen Marktes.
"Ja, aber" werden Sie jetzt sagen - prüfen ist gut ... aber nach welchen Kriterien? Dafür bietet Paulus das Gute an. Haltet fest am Guten, schreibt er in Röm 12,9b. Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht (12,17). Besiege das Böse durch das Gute (V 21). Und hier: das Gute behaltet / haltet fest am Guten. Aber was ist das Gute, das sich aus der Prüfung herausschält? Was ist es für Paulus, seine Zeitgenossen? Was ist es für uns, unsere Zeitgenossen?
Mit solchen Aussagen erweist sich Paulus als Rabbi, dem die Weisheitsströmung im Judentum nicht unbekannt war. Er zitiert selbst auch aus dem zu dieser Strömung gehörigen Sprüche-Buch. Diese Strömung verbindet die weisheitlichen Sprüche und Erkenntnisse der Umwelt, des Orient und des Griechentums, mit der Offenbarung, der Tora, der sie einen Vorrang einräumt; sie ist die "gute Lehre" (Spr 4,2). Sie ist wohl auch das Gute, von dem Hosea sagt, das Israel es verworfen hat (8,3). Gut ist für sie, die Tora, nur Gott. Kann man nicht von daher sagen: das Gute tun etc. ist ein gottgemäßes, den Weisungen der Tora entsprechendes Verhalten? Die Tora selbst kennt Weisungen, Regeln konkret, auf Fälle bezogen; sie spricht nicht von dem Guten abstrakt.
Nicht nur weil es von außen her geboten ist - heteronom -, sondern auch weil es weise ist, menschlicher Einsicht entsprechend - autonom -, ist das Gute zu tun, ergänzt nun die moderne Strömung im Judentum zur Zeit des Hellenismus. Und sie fügt eigene Sätze, zeitgemäße Beispiele an für gutes und böses Tun (vgl. Ps 34,14-16; Sir 12,1-6; Sir 17,13-15; Tob 4,8-11). Wir können dann das Gute auf die Zehn Worte oder die Gebote nicht reduzieren, sondern konzentrieren und angesichts konkreter Problemstellungen fragen, was in der eigenen Gegenwart im Lichte dieser Zehn Worte zu tun ist. Sind möglicherweise die Ge- und Verbote in den fünf Büchern Mose, der Tora, auch so zu verstehen? Es lassen sich alle ja auf einen doppelten Punkt bringen: Gottes- und Nächstenliebe. Darin sind sich Juden und Christen einig.

Das Gute ist also nicht beliebig, wenn wir biblischer Tradition folgen. Die Zehn Worte, der Dekalog, sind Eckpfeiler. Das Liebesgebot ist eine Grundlage, die mit dem Gottesglauben selbst gegeben ist: Gott das höchste Gut, der Mensch sein Geschöpf, sein Ebenbild. Doch die Problemstellungen und Situationen sind vielfältig und verändern sich. Darum ist selten eine simple Umsetzung möglich, sondern: Prüfung ist notwendig, wie die jeweilige Weisung realisiert werden kann. Heute kommen durch medizinisch-technischen Fortschritt Fragen hinzu, die ebenso nicht einfach fundamentalistisch zu beantworten sind.
Was dann gut ist zu tun, kann möglicherweise erst im Ringen verschiedener Ratgeber und Experten herausgefunden werden. Ein Miteinander-Suchen nach dem im
konkreten Fall zu tuenden Guten ist in der Bibel angezeigt, auch in unserem Paulus-Satz "Prüfet alles, das Gute behaltet!" in Verbindung mit "Löschet den Geist nicht aus!" Alleingänge sind nicht erwünscht.
Das beantwortet im ersten Gang die Frage: Kann einer entscheiden, was das Gute für alle ist? Zu beantworten mit Nein. Denn nur einer ist gut, Gott. Dies ist kritisch auf Gesellschaft anzuwenden. Was es heißt, das Gute zu behalten, das ist in der Regel durch Prüfung und Beratung mehrerer dazu befähigter Menschen herauszufinden. Dazu befähigt darf nicht bedeuten, in einem engen fach-, partei- oder sonst wie spezifischen Kreis, sondern durch einen Kreis, der auf verschiedenen Erfahrungen, Kenntnissen und Weltsichten aufruht. Das z.B. muss bei einer ethischen Beratergruppe in unserem Staat gesichert sein. Das muss berücksichtigt werden bei der Frage, wie Gesellschaften - z.B. der Irak - neu zu ordnen sind. Daran ist zu denken, wenn neue technische Möglichkeiten schnellere, leichtere Erfüllung von Bedürfnissen erlauben als bisher - doch wo liegen Nachteile, neue Gefährdungen und was wird zerstört?
Solch ein Prüfen und Entscheiden dürfte in der Regel dem Behalten des Guten eher entsprechen als die durch einen Einzelnen getroffene einsame Entscheidung.
Und wer nun den Einwand erhebt: Aber in der katholischen Kirche mit dem Primat des Papstes ... ? Auch hier gilt die notwendige Prüfung durch Experten und Berater, ja die Übereinstimmung mit dem sensus fidelium, zumindest die kollegiale Beratung der Bischöfe. Das II. Vatikanische Konzil ist hier ein positives Beispiel für die neuere Zeit. In der evangelischen Kirche erscheint die synodale Verfasstheit als normativ.

Und doch: Gibt es nicht Situationen, in denen ein Einzelner oder Einzelne gegen die Mehrheit prüfen und entscheiden können und müssen, was gut ist?
Die Mehrheit der deutschen Wahlberechtigten hatte 1933 die NSDAP gewählt. Die nationalsozialistische Bewegung erfasste weite Teile des Volkes. In ihm schien das Böse die Oberhand zu gewinnen. Waren Einzelne und Gruppen etwa im Unrecht, wenn sie dagegen Widerstand leisteten? An der Meinung der Mehrheit konnten sie sich nicht orientieren. Ihnen blieben Sätze, Einsichten aus zum Teil leidvoll gewonnener reflektierter Erfahrung, aus Vernunft und Glaube. Zu solchen Sätzen rechne ich auch und zuförderst den DEKALOG der Bibel, da diese Sätze Gottes Weisung auf dem Hintergrund von leidvollen, eben bösen Erfahrungen in der orientalischen Umwelt formulieren. Zu ihnen rechne ich natürlich die WEISHEITSSPRÜCHE.
Dann die Ethik des ARISTOTELES. Sie unterscheidet das bonum honestum vom bonum utile und bonum delectabile.
THOMAS VON AQUIN nimmt diese - theonom begründet - auf: "Diese drei Arten des Guten bestimmen das Handeln des Menschen in organischer Weise. Er entscheidet sich für eine von ihnen, die dann zum Ziel seines Handelns wird. Wenn er ein bonum honestum wählt, bedeutet das, das sein Ziel dem eigentlichen Wesen des Gegenstands seiner Handlung gerecht wird und somit ein rechtschaffenes, im eigentlichen Sinne gutes Ziel ist. Wenn er hingegen ein bonum utile wählt, so ist sein Ziel sein eigener Vorteil. Die Frage der Moralität seines Handelns bleibt noch offen: Nur wenn die Tat, die ihm zum Vorteil gereicht, sowie die verwendeten Mittel rechtschaffen sind, kann auch das Ziel als rechtschaffen bezeichnet werden. Genau an diesem Punkt setzt die Spaltung an zwischen der Tradition der aristotelisch-thomistischen Ethik und dem modernen Utilitarismus.
Der Utilitarismus hat die erste und grundlegende Dimension des Guten, die des bonum honestum, aus den Augen verloren. Die utilitaristische Anthropologie und die aus ihr hervorgehende Ethik gehen von der Überzeugung aus, dass der Mensch grundsätzlich sein eigenes Interesse oder das der Gruppe, zu der er gehört, anstrebt. Im Endeffekt ist der persönliche oder der korporative Vorteil Ziel und Zweck des menschlichen Handelns."(1)
KANT stellt den - ich möchte sagen - isolierten Aspekt des utile und delectabile in Frage und ordnet ihn anthropologisch gewendet - nicht mehr traditionell metaphysisch oder theologisch - dem honestum unter:
"'Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest'. In dieser Form zieht das ethische Denken Kants die Dimension von Zweck und Mittel wieder ein, jedoch nicht als Kategorien erster, sondern nur zweiter Ordnung. Kategorie erster Ordnung wird der Mensch. Kant hat in gewissem Sinn den Grund gelegt für den modernen ethischen Personalismus." So P. Johannes Paul II, den ich hier zitiere. (2)
Kants Imperativ kann keine moderne Übersetzung des Paulus-Satzes sein "Prüfet alles...": Gut ist, was den anderen Menschen nicht instrumentalisiert zum eigenen Nutzen. P. Johannes Paul II nennt dafür -kritisch zu DESCARTES- eine theologische Grundlage: der Mensch ist Gott verantwortlich in seinem S e i n, aufgrund dessen er d e n k e n kann. "Wenn der Mensch allein, ohne Gott entscheiden kann, was gut und böse ist, dann kann er auch verfügen, dann kann er auch verfügen, dass eine Gruppe von Menschen zu vernichten ist. Derartige Entscheidungen wurden z. B. im Dritten Reich gefällt von Menschen, die, nachdem sie auf demokratischen Wegen zur Macht gekommen waren, sich dieser Macht bedienten, um die perversen Programme der nationalsozialistischen Ideologie zu verwirklichen, die sich an rassistischen Vorurteilen orientierten." (3) Sodann erinnert P. Johannes Paul II an ähnliche Entscheidungen in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten.
In demokratisch gewählte Parlamente und in den zivilen Fortschritt setzt P. Johannes Paul II einige Hoffnungen, was er bspw. in seiner Stellung zum europäischen Integrationsprozess und im Bereich der Menschenrechtspolitik zeigt. Von daher zeigt er sich allerdings betroffen, wenn "Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen" legalisiert wird.(4) Ich verstehe den Papst in seiner Betroffenheit. Ein abgewogener, alle Irritation vermeidender lehramtlicher Text dürfte sicherlich nicht Holocaust und Abtreibung in eine solche Nähe stellen, wie es hier in der Wiedergabe eines "zwanglosen Dialogs" -so das Redaktionsvorwort- geschieht.
Da dieses Buch unter dem Titel "Erinnerung und Identität" soeben erst erschienen ist, sich in starkem Maße angesichts der Geschichte des 20. Jahrhunderts der Frage nach dem Guten und Bösen widmet und an der Stelle, wo Holocaust und Abtreibung in eine Nähe gestellt werden, öffentlichen Widerspruch erfahren hat, sehe ich es geboten, aus dem Buch gerade aus Anlass dieses Jahresthemas zu zitieren und den kritisierten Punkt mit meiner eigenen kurzen Stellungnahme anzusprechen - dies mit der Überzeugung, dass die Position dieses Papstes zur Schoah wie zum Judentum zweifelsfrei klar ist.

Demokratische Wahlen und Bürgergesellschaften sind in der Tat ein wichtiger, auch theologisch zu würdigender Schritt, alles prüfen und das Gute behalten zu können. Dies sei den fundamentalistisch Versuchlichen unter den Anhängern unserer monotheistischen Religionen ins Stammbuch geschrieben!
Ohne Wahrung der Werte, die das Gute umschreiben, kann der dhmoV (daemos) zum ocloV (ochlos) werden. Aristophanes' Reiter lassen grüßen. Die prophetische Predigt wäre nicht nötig gewesen, wenn das Gute nur einfach im Trend gelegen hätte / läge, sie fordert Gutes ein: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Brüderlichkeit/Geschwisterlichkeit, gleiche Augenhöhe, die Achtung, den Respekt, ja die Liebe zum ‚ger' (hebr. Beisasse, oft mit "Fremdling in deiner Mitte" übersetzt) Das ist das bonum honestum., kein Gutes aus Eigennutz oder zum Delektieren.
Dabei leben wir zugleich aus der in Menschheitserfahrung begründeten Hoffnung, dass das bonum honestum weitsichtig wie langfristig auch das für a l l e nützlichere und angenehmere Gute ist. Von einzelnen, die weitsichtig sind und daraus handeln, fordert es allerdings das Erleiden des Bösen ab, das Zeugnisgeben.
"Gewährt jederzeit Gastfreundschaft" fordert Paulus sogar in Röm 12. Gäste in unserem Land gilt es von daher nicht erstrangig nach dem Nutzen für unsere Wirtschaft zu sehen, sondern als Menschen auf Augenhöhe - ein nicht leichtes, ein anspruchsvolles Unterfangen. Dies sei hier und heute ausdrücklich in Bezug auf Ukrainer gesagt.

Ängstlichen ist nicht noch mehr Angst zu machen, sie sind zu ermutigen, sagt Paulus. Um Geduld mit allen geht es, gerade mit den Schwachen. Böses soll nicht mit Bösem vergolten werden.
Anspruchsvolle Imperative für den persönlichen und gesellschaftlichen Bereich, für nationale wie internationale Politik: das Gute zu erhalten, das Böse zu meiden in jeder Gestalt - auch als pervertiertes Gutes: wo es außen gut glänzt, aber wo es im Kern böse ist.
Es bleibt daher die Notwendigkeit, aus innerer Freiheit - das ist prophetisch-jesuanisch - alles zu prüfen nach den Werten als Kriterien.
Dies bewusst zu machen, es in seiner Differenziertheit zu bedenken, Mut zu machen, dazu dient meines Erachtens das Motto dieser Woche der Brüderlichkeit, aus der Reflexion eine Perspektive zu gewinnen: Dazu mögen diese (meine) Ausführungen dienen.
Prüfen wir alles, behalten wir das Gute!

Anmerkungen:
1: Johannes Paul II, Erinnerung und Identität. Gespräche an der Schwelle zwischen
den Jahrtausenden, Weltbild Buchverlag Augsburg 2005 (Orig.: Polnisch, 2005 in
Libreria Editrice Vaticana, Roma), S. 53 f.
2: ebd., S. 55; das Kant-Zitat: Grundlegung der Metaphysik der Sitten, in: Werken in
sechs Bänden, Bd. 4, Darmstadt 1956, S. 61
3: ebd., S. 25
4: ebd., S.26

Dr. Ansgar Koschel:
Direktor der Katholischen Akademie Rabanus Maurus,
1990-2000 Genneralsekretär des Deutschen KoordinierungsRates e.V.