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"Ist es wahr?, stimmt
das?" "Ich kann es nicht glauben." Immer wieder
dieselben Worte.Es ist wahr, und wir werden uns daran gewöhnen
müssen: Estrongo Nachama lebt nicht mehr. Am 13. Januar
des noch jungen Jahres 2000 (nach jüdischem Datum ist das
der 6. Schwat 5760) ist er "eingeschlafen", wie die
Abendnachrichten vermelden.
Nachrufe über Nachrufe
werden in den nächsten Tagen erscheinen, in allen wird stehen,
welch ein begnadeter Sänger er war. Das stimmt, aber Estrongo
Nachama war mehr: Er war die Gemeinde schlechthin, und er war
das wichtigste Bindeglied zwischen Jüdischer Gemeinde und
nichtjüdischer Umwelt. Juden wie Nichtjuden in meiner Heimatstadt
Berlin, ja in ganz Deutschland, kennen seine Stimme und werden
sich seiner erinnern, wann immer sein Name genannt wird.
Jeder von uns Juden hat seine
eigene Erinnerung, die jungen gleichermaßen wie die alten.
Ich aber, der ich aus der "ehemaligen DDR" komme, wie
man heute sagt, empfinde gegenüber Nachama eine besondere
Dankbarkeit, nicht nur deshalb, weil er auch unser Leben bestimmt
hat, als er meine Frau und mich im März 1988 in dem kleinen
Kulturraum der Ostberliner Jüdischen Gemeinde traute. Die
Zeremonie vollzog mehr schlecht als recht der damals in der "DDR-Hauptstadt"
amtierende Rabbiner, aber in Erinnerung ist mir eigentlich nur
Estrongo Nachama, der diese Zeremonie erst würdig gemacht
hat.
Estrongo Nachama war es, der
neben dem Westberliner Rabbiner Ernst Stein die Einheit der Berliner
Gemeinde(n) erhalten oder sie vielleicht durch seine Präsenz
in beiden Hälften der Stadt wieder hat möglich werden
lassen.
Ich erinnere mich deutlich
eines Satzes der Verwaltungsleiterin der Ostberliner Gemeinde,
den ich, als in den 70iger und 80iger Jahren Kommunikation zwischen
Ost und West schwierig war, zigfach gehört habe, wenn Leidtragende
besorgt anfragten, ob der Westberliner Oberkantor zur Beerdigung
amtieren wird. Die Antwort lautete stets: "Ich habe Nachama
ein Telegramm geschickt, und wir können uns darauf verlassen,
dass er kommen wird."
Zuverlässig und einsatzbereits
für seine Gemeinde, so wird er uns in Erinnerung bleiben.
Sein Gesang, sein Amtieren war stets geprägt von Kawana,
wie man auf Hebräisch sagt, eine heilige Handlung.
Der Berliner Historiker Hermann
Simon hat dem griechischen Juden Estrongo Nachama aus Saloniki
dafür zu danken, daß er die Melodien des deutschen
Juden Louis Lewandowski (1821-1894) für eine Generation
vor dem Vergessen bewahrt hat.
Auf Lewandowskis Grabstein,
der wie Estrongo Nachama ein halbes Jahrhundert für die
Berliner Jüdische Gemeinde gewirkt hat, stehen die Worte
des Neukantianers Hermann Cohen: "Liebe macht das Lied unsterblich!"
Sie gelten auch für den am 13. Januar 2000 verstorbenen
Oberkantor der Berliner Jüdischen Gemeinde, dem wir ein
ehrendes Gedenken bewahren werden.
Der Autor ist Vorsitzender
der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen
Gemeinde und Direktor der Stiftung "Neue Synagoge Berlin
- Centrum Judaicum"
Dr. Hermann Simon:
stellvertretender jüdischer Vorsitzender der GCJZ Berlin |