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Für Humanität und Toleranz
Von Ella Barowsky
Ehrenvorsitzende
der Gesellschaft für Christlich-Jüdische
Zusammenarbeit in Berlin e.V.
Die Deutschen blicken auf 50 Jahre ihrer
jüngsten Geschichte zurück, auf einen beeindruckenden
Neuaufbau nach den materiellen, geistigen und moralischen Zerstörungen
durch die Nazidiktatur und dem von ihr angezettelten Krieg. Das
Erreichte und die noch vor uns liegenden großen Aufgaben
sind vielfältig beschrieben worden. An dem entscheidenden
moralischen Neuaufbau hat das Wirken der Gesellschaften für
Christlich-Jüdische Zusammenarbeit unter dem Dach des Deutscher
Koordinierungsrates einen wichtigen Anteil.
Man muß es als ein Glück ansehen, daß schon
wenige Jahre nach dem Holocaust wieder jüdische Gemeinden
in Deutschland existierten und Juden zur menschlichen Begegnung
und zum aufklärenden Dialog mit nichtjüdischen Deutschen
bereit waren. Dieser Dialog gründet auf den gemeinsamen
Werten der Humanität und Toleranz, wie sie nicht zuletzt
von den Bekenntnissen zum Judentum und Christentum gefordert
werden.
Auch die Berliner Gesellschaft für Christlich-Jüdische
Zusammenarbeit sah und sieht ihre Aufgabe darin, diese Werte
allen unseren Mitbürgern wieder als Grundlagen des friedlichen
Zusammenlebens gleichberechtigter Bürger in unserer rechtsstaatlichen
Demokratie bewußt zu machen. In diesem Sinne sucht die
Gesellschaft seit ihrer Gründung vor fünf Jahrzehnten
in allen Bevölkerungskreisen und vor allem unter Jugendlichen
zu wirken, vor allem mit Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen,
auch mit Wochenendseminaren; im Sommer konnten auch Jugendzeltlager
organisiert werden, um junge Menschen verschiedener Herkunft
und verschiedener Konfessionen im Gemeinschaftserleben den Wert
des toleranten Miteinanders erlebbar zu machen.
Die Gesellschaft hat sich im Laufe der Jahre mit ihrem Anliegen
überall in Deutschland Resonanz zu verschaffen gewußt;
die alljährlichen "Wochen der Brüderlichkeit"
sind ein fester Bestandteil unseres kulturellen Lebens, die sowohl
in der Politik wie in den Medien Beachtung finden. Die Veranstaltungen
dieser Wochen stehen jeweils unter einem gemeinsamen Motto. Die
breite Resonanz ist der guten Zusammenarbeit mit den Kirchen,
der Jüdischen Gemeinde und der bereitwilligen Mitarbeit
der Schulen und der Berliner Gemeindeverwaltungen zu verdanken.
Aufzuklären und für Toleranz zu werben, ist eine nie
endende Aufgabe; immer wieder bedrohen Vorurteile das friedliche
Nebeneinander verschiedener religiöser oder ethnischer Gruppen.
Auch gegenüber den vielen bei uns lebenden Moslems gibt
es Mißverständnisse, ja sogar Ängste. Auf beiden
Seiten herrscht ein Gefühl der Fremdheit. Eine Aufgabe für
die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit
ist es, auch hier zunächst durch Aufklärung über
Unterschiede und vielleicht Gemeinsamkeiten für Toleranz
und Humanität zu werben. Schließlich ist der Islam
die dritte monotheistische Religion. Dabei muß man sich
leider bewußt sein, daß oftmals die religiöse
Grundlage durch machtpolitische Inanspruchnahme verfälscht
wird. Ein weites Feld für alle, die sich um Aufklärung
bemühen!
Wir haben das lange ersehnte Glück der deutschen Wiedervereinigung
erlebt. Unsere Landsleute in der früheren DDR hatten nicht
die Möglichkeit, nach der Nazidiktatur in einem freiheitlichen
Rechtsstaat zu leben, sondern erfuhren eine neue - atheistische
- Diktatur. Es ist eine schöne Aufgabe der Gesellschaft
für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin, gerade
mit den Landsleuten im Ostteil unserer Stadt und besonders mit
der Jugend ins Gespräch zu kommen, um sie darin zu bestärken,
daß Humanität und Toleranz für ein glückliches
Zusammenleben unverzichtbar sind. Hier kann die Gesellschaft
Orientierung und Wegweiser sein. Auch nach 50 Jahren ist die
Aufgabe der Gesellschaft keineswegs erfüllt oder überflüssig
geworden. Humanität und Toleranz sind unverzichtbare Bausteine
der menschlichen Zivilisation, und sie müssen immer wieder
gegen Barbarei verteidigt werden. |