Grußwort
des Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde
zu Berlin

Gideon Joffe

2007
 

Redet Wahrheit - dieses Prophetenwort, das die Woche der Brüderlichkeit in diesem Jahr zum Motto erhoben hat, ist eine Forderung an uns alle, und sie ist aktueller denn je. Längst scheint es, dass die Lüge - das bewusste und wissentliche Reden der Unwahrheit - zur politischen Kultur geworden ist. So möchte man all denen, die Verantwortung in der Gesellschaft tragen, mit Sacharja zurufen: "Redet Wahrheit!"

Aber nicht nur die Lüge steht der Wahrheit entgegen. Auch unbewusst, aus Nachlässigkeit kann man Unwahrheit reden. Ist es nicht paradox, dass gerade heute, da uns Informationen in nie geahnter Fülle sekundenschnell weltweit zur Verfügung stehen, der Umgang mit diesen Informationen immer oberflächlicher wird? Wir surfen im Internet, und nehmen all das für wahr, was die Suchmaschinen mit der größten Häufigkeit liefern.

Mehr Verantwortung und Sorgfalt im Umgang mit den Medien, auch das heißt "Wahrheit reden".

Die drei Buchstaben des hebräischen Wortes für Lüge, Scheker ø÷ù stehen im hebräischen Alphabet direkt nebeneinander, aber alle drei Buchstaben stehen auf einem "Fuß". Emet, úîà hebräisch für Wahrheit, besteht ebenfalls aus drei Buchstaben: dem ersten, dem mittleren und dem letzten unseres Alphabets, und alle drei stehen auf zwei "Beinen". Unsere Weisen haben daraus eine Lehre erteilt: Die Lüge liegt nahe, aber sie steht auf tönernen Füßen, die Wahrheit hingegen ist nicht immer offensichtlich - wir müssen sie suchen - doch sie steht fest gegründet.

In diesem Sinne wünsche ich der Woche der Brüderlichkeit interessante Veranstaltungen, spannende Gespräche und ein großes öffentliches Interesse, das sie wahrhaft verdient.

Herzlichst

Dr. Gideon Joffe
Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Foto: Jüdische Gemeinde zu Berlin

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