Grußwort
des Deutschen Koordinierungsrates
zur Woche der Brüderlichkeit 2006,
Rabbiner Dr. h.c. Henry G. Brandt



2006

Dr. h.c. Henry G. Brandt

 

Die Woche der Brüderlichkeit ist bereits ein fester Bestandteil des Kulturkalenders unseres Landes. Die diesjährige Eröffnungsfeier findet eine besondere Aufwertung dadurch, dass sie in der Hauptstadt Berlin stattfindet, Standort einer der größten und bedeutendsten Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in der Bundesrepublik. Geprägt wird dieser Anlass durch die Vorstellung des Jahresthemas, welches land auf und land ab in fast allen diesen Gesellschaften Ausgangspunkt für Hunderte von Vorträgen, Debatten, Symposien und aller Art kultureller Veranstaltungen bilden wird. Dieses Jahr steht unter dem anspruchsvollen Motto: "Gesicht zeigen".

Die in diesem Thema steckende Herausforderung erscheint auf den ersten Blick klar und eindeutig. Zivilcourage und Engagement sind in unserer Gesellschaft gefordert, um die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, zu bewältigen. Nicht selten wollen dabei die Vertreter der politischen Korrektheit die Züge vorgeben, die das "Gesicht", das man der Öffentlichkeit zeigt, tragen soll und muss. Solchen vorgeschriebenen Vorgaben muss man widerstehen können, denn das Gesicht eines jeden Menschen ist einzigartig und einmalig. Diese überwältigende Pluralität muss notwendigerweise in unsere Betrachtungen einfließen. Zeigen wir Gesicht, stehen uns meistens das Gesicht oder die Gesichter anderer gegenüber. Unseres sollte zumindestens Zuwendung, Wertschätzung und Friedfertigkeit signalisieren, nebst der Bereitschaft in einen Austausch einzutreten. Im Rahmen solch eines Ich - Du, ich - Ihr Gegenüber ergibt sich dann auch die Frage, was ich im Gesicht des oder der Anderen, mich angehend, erkennen kann. Wie reagieren jedoch meine Züge, wenn ich, zu meinem Entsetzen, beim anderen nun Indifferenz oder gar Ablehnung, vielleicht Hass oder Feindschaft entdecke? Solche Situationen ergeben sich öfter als uns lieb sein mag und deshalb können wir - besonders im Zusammenhang mit unseren zeitgenössischen gesellschaftlichen Problemen - dieser Frage nicht ausweichen. "Gesicht zeigen" ist auch "Gesicht sehen".

Möge diese Woche der Brüderlichkeit und das nun beginnende Arbeitsjahr mit unserem Thema erfolgreich dazu beitragen, mehr Klarheit in diese und verwandte Problemkreise zu bringen.

Rabbiner Dr. h.c. Henry G. Brandt
Jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates
Foto: DKR




Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

Deutscher Koordinierungsrat e.V.

Die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit sind in der Bundesrepublik Deutschland nach der Befreiung vom nationalsozialistischen Unrechtsstaat entstanden.

Sie wissen von der historischen Schuld und stellen sich der bleibenden Verantwortung angesichts der in Deutschland und Europa von Deutschen und in deutschem Namen betriebenen Vernichtung jüdischen Lebens.

In Wahrnehmung ihrer historisch-politischen Verantwortung wenden sich die 83 Gesellschaften gegen alle Formen der Judenfeindschaft und somit gegen Rechtsextremismus und Intoleranz.

Seit 1952 veranstalten die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im März eines jeden Jahres die Woche der Brüderlichkeit. In allen Teilen des Landes werden aus diesem Anlass Veranstaltungen durchgeführt, um auf die Zielsetzung der Gesellschaften und auf ihr jeweiliges Jahresthema hinzuweisen. Das diesjährige Jahresthema der Woche der Brüderlichkeit lautet: "Gesicht zeigen".

Seit 1968 verleiht der Deutsche Koordinierungsrat während der Eröffnungsfeier zur Woche der Brüderlichkeit die Buber-Rosenzweig-Medaille. Mit ihr werden Personen, Institutionen und Initiativen ausgezeichnet, die sich um die Verständigung zwischen Christen und Juden verdient gemacht haben.
2006 wird diese Ehrung Leon de Winter und dem Verein Gesicht Zeigen zuteil.

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