Grußwort
des Erzbischofs von Berlin,
Georg Kardinal Sterzinsky
,
zur Woche der Brüderlichkeit 2006



2006

Georg Kardinal Sterzinsky

  Der Woche der Brüderlichkeit, die seit 1952 von den Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland durchgeführt wird und die in diesem Jahr in Berlin zentral eröffnet wird, gilt mein herzlicher Gruß. Verbunden damit ist der Wunsch, dass das Thema dieser Woche - "Gesicht zeigen" - von möglichst vielen Menschen aufgenommen und verstanden wird. Mein Dank gilt allen, die sich in dieser Woche mit diesem Anliegen befassen und sich künftig dafür engagieren.

Das Verhältnis von Christen und Juden in unserem Land ist verständlicherweise immer noch schwer belastet durch die Fehlentwicklungen in der Geschichte der Kirche und des deutschen Volkes. Der Besuch des aus Deutschland stammenden Papstes, Benedikts XVI., in der Kölner Synagoge im vergangenen Jahr und das unerwartet große Anwachsen der Jüdischen Gemeinschaft in Berlin und in Deutschland sind hoffnungsvolle Zeichen eines Wandels in Kirche und deutscher Gesellschaft. Aber können wir schon von Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit in den Beziehungen von Christen und Juden reden? Sprechen nicht viele, zu viele fremdenfeindliche, rassistische, antisemitische und ähnliche Vorfälle unserer Tage dagegen? Oft geschehen solche Aktionen nicht einmal verschämt im Dunkel, im Geheimen, sondern in aller Öffentlichkeit. Manche Täter sind weder anonym noch maskiert. Es zeigt sich ein Verhalten, dem offen und bestimmt widerstanden werden muss. Stillschweigende Duldung oder Billigung, Wegsehen und Leugnung solcher Vorfälle sind Veraltensweisen, die den juristischen Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung und vor Gott moralisch der Sünde erfüllen.

"Gesicht zeigen" ist ein Aufruf an Christen und Juden wie an alle Menschen, den anderen Menschen mit offenem Visier, d.h. ohne feindliche Absicht zu begegnen, in ihnen die Brüder und Schwestern mit der von Gott geschenkten gleichen Menschennatur und Menschenwürde zu sehen, zu achten und zu schützen.

Georg Kardinal Sterzinsky
Erzbischof von Berlin
Foto: Erzbischöfliches Ordinariat