Grußwort des Vorstandsvorsitzenden
der Jüdischen Gemeinde zu Berlin,
Albert Meyer
,
zur Woche der Brüderlichkeit 2005

Albert Meyer

Prüfet alles - das Gute behaltet. Das Motto der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit erinnert an eine alte jüdische Tradition: Prüfen - das ist nicht das Nachsinnen und Grübeln eines Einzelnen; Prüfen, das erfordert das Gespräch, den Diskurs, den Meinungsaustausch, die offene Debatte. Und das scheint heute wichtiger denn je.

So hoffe ich, dass die Woche der Brüderlichkeit auch in diesem Jahr wieder ein Forum der Begegnung, des Austausches und der Diskussionen sein wird, seien sie auch noch so kontrovers - es gibt nichts Besseres: Prüfet alles - das Gute behaltet!

Und wenn wir das Gute behalten wollen, so sollten wir auch den Begriff der "Brüderlichkeit", der "Achwa" ernst nehmen, der vielen heute fast veraltet anmuten mag. "Verhärte nicht dein Herz und verschließe nicht deine Hand, wenn dein Bruder bedürftig ist": Die internationale Hilfsbereitschaft - über alle nationalen, ideologischen und religiösen Grenzen hinweg - angesichts der Flutkatastrophe in Asien ist ein hoffnungsvolles Zeichen.

Der Woche der Brüderlichkeit bin ich seit vielen Jahren auch familiär verbunden. Mein Großcousin, Rabbiner Nathan Peter Levinson, war schon in den Fünfziger Jahren in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit aktiv und stand fast 20 Jahre lang als jüdischer Vorsitzender dem Koordinierungsrat vor. Die Frauen und Männer der ersten Stunde, die vor über fünfzig Jahren angesichts der Schrecken des Nationalsozialismus die Woche der Brüderlichkeit begründeten, taten dies im Bewusstsein und Vertrauen darauf, dass es keinen Weg zueinander gibt als den Dialog. Daran hat sich nichts geändert.

Herzlichst

Albert Meyer
Vorsitzender des Vorstandes
der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Foto: Jüdische Gemeinde Berlin