Grußwort des Ratsvorsitzenden
der Evangelischen Kirche in Deutschland,
Bischof Dr. Wolfgang Huber,
zur Woche der Brüderlichkeit 2006


2006

Wolfgang Huber

 

Im zweiten Buch Mose (33,20) findet sich die Begegnung zwischen Gott und Mose, in der Mose Gott darum bittet, ihn sein Antlitz sehen zu lassen. Mose erhält zur Antwort: "Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht." Allerdings kündigt Gott an, er wolle sich von hinten sehen lassen, nachdem seine Erscheinung bereits vorübergegangen sei. Der französische Philosoph Emanuel Lévinas hat diese biblische Szene dahingehend gedeutet, dass der unsichtbare Gott, ohne dadurch sichtbar zu werden, eine eigentümliche Spur hinterlässt, in der sich alle die bewegen, die nach seinem Bilde geschaffen sind. - Das biblische Bilderverbot verwehrt uns den direkten Blick in das Angesicht Gottes. Es bleibt gerade deshalb bis auf den heutigen Tag ein Schlüssel zum Dialog und zum wechselseitigen Verstehen und Befragen.

Dass Gott, der sich unseren Darstellungen entzieht, sich selbst darstellt, ist der Kern des christlichen Glaubens. Jesus Christus ist der Name für diese Selbstdarstellung Gottes. In ihr verschränken sich Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit miteinander - etwa wenn es im 1. Johannesbrief (4,16. 20) heißt: "Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. ... Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?" Gottesliebe und Liebe zum Nächsten werden hier in ihrer Zusammengehörigkeit thematisiert. Der Unsichtbarkeit Gottes steht die Sichtbarkeit des Nächsten zur Seite. Wie wir uns zum Nächsten, zum andern stellen, gibt zu erkennen, wie wir es mit der Mitte des Lebens halten oder ob wir längst dabei sind, die bewahrende Mitte, das Gleichgewicht, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Die doppelte Beziehung, in der Menschen stehen - die Beziehung zum unsichtbaren Gott, der sich nur von seiner Rückseite sehen lässt (Christen finden diese abgewandte Seite Gottes im Kreuz), und die Beziehung zu dem sichtbaren Nächsten - ist in vielfältigen Hinsichten gefährdet und zerbrechlich. Auch von der Beziehung der drei monotheistischen Religionen zueinander gilt das. Dass sie sich alle drei auf Abraham beziehen, kann nicht bedeuten, dass wir unter dem beruhigenden Titel der "abrahamitischen Religionen" blind werden für das Konfliktpotential, das in ihrem Verhältnis enthalten ist. Wir brauchen ein waches Auge für dieses Konfliktpotential. Wenn Gottes Unsichtbarkeit geleugnet und er den menschlichen Bemächtigungsversuchen ausgesetzt wird, ist der Friede gefährdet, der doch gerade in seinem Namen herrschen sollte.

Unser Verständnis für das Gespräch zwischen den einander fremd gewordenen Kindern Abrahams, für eine tragfähige soziale Ordnung, die auch das Fremde, Andersartige als Gabe und Aufgabe begreift, bemisst sich daran, ob es uns gelingt, die von Gott gelegte Spur als verpflichtende Einladung für unseren eigenen Weg zum Anderen hin zu begreifen. Hier gilt es, Gott zu loben, das Recht zu ehren und das eigene Gesicht zu zeigen. Davon wird abhängen, ob wir die Kraft finden, Frieden zu bewahren und einen gerechten Ausgleich der Interessen zu gestalten.

Dr. Wolfgang Huber
Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg - schlesische Oberlausitz
Foto: EKBB