Grußwort des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Reinhard Führer, zur Woche der Brüderlichkeit 2000

"Brüderlichkeit" - was ist das eigentlich? Für viele von uns, besonders für unsere Jugendlichen und Kinder, ist es ein Ausdruck, mit dem sie nichts anfangen können. "Altmodisch" erscheint er. Fremd, ungewohnt ist er. In "modernen", zeitgenössischen Illustrierten, Zeitschriften und Zeitungen, in Comics, in anderen Druckerzeugnissen, aber auch in unserer Umgangssprache ist "Brüderlichkeit" ein seltenes Wort. Und - leider - doch fast logisch, ist auch die damit bezeichnete Haltung den Mitmenschen gegenüber eine rar gewordene Tugend.

Sie bedeutet im wahrsten, wirklichen Sinn des Wortes Mit-Menschlichkeit, Verständnis für den, der mir gleich, mir verwandt ist. Sie bedeutet aber auch Verantwortung einem Menschen gegenüber, der mein Bruder, meine Schwester sein könnte.

Doch tatsächlich sieht unsere Wirklichkeit ganz anders aus: Andere Menschen so in ihrer Eigenheit zu respektieren, wie wir selbst respektiert werden möchten, fällt vielen schwer. Offenheit, Verständnis für den unbekannten Mitmenschen, egal wo er lebt, zu zeigen, ist nur zu oft die große Ausnahme.

Andererseits sind die Menschen in Deutschland, und hier auch immer wieder die Berliner, sehr hilfsbereit, wenn es gilt, bei Unglück oder Katastrophen, wo auch immer in der Welt, Geld zu spenden. Wenn jedoch dann "direkt vor der Haustür" Mitmenschlichkeit, eben "Brüderlichkeit", gefragt ist, dann verweigern sich manche dieser eben noch so hilfsbereiten Bürger.

Deshalb ist es gut und wichtig, daß die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit einmal im Jahr die Frage nach der Brüderlichkeit stellt.

Möge Ihr Engagement, Ihr Beispiel, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dem einen oder anderen, der weder mit dem Wort noch der Bedeutung von Brüderlichkeit etwas anfangen kann, helfen zu begreifen, daß wir alle Brüder und Schwestern sind.

Reinhard Führer, Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin