Grußwort der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zur "Woche der Brüderlichkeit" 2000 "Auf drei Säulen ruht die Welt: Recht, Wahrheit, Frieden"

Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin koordiniert im Jahr 2000 zum fünfzigsten Mal die "Woche der Brüderlichkeit". Entsprechend der Tradition findet diese Aktionswoche in den ersten Tagen des Monats März statt und dies wollen wir für Berlin auch im Jahr 2000 so fortführen.

Die Berliner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ist im November 1949 gegründet worden. Anlässlich des Gründungsjubiläums haben wir 1999 eine Festschrift vorstellen können: "50 Jahre IM GESPRÄCH Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V". Die dort vorgelegten Beiträge dokumentieren die Geschichte unserer Gesellschaft und spiegeln dabei überraschend stark auch ein Stück Geschichte der Stadt Berlin seit der Befreiung von der nationalsozialistischen Unrechts herrschaft. Der Aufbruch zur Demokratie, die politische Spaltung der Stadt mit der Erfahrung unterschiedlicher Gesellschafts-Ordnungen, die Sonderentwicklung von Berlin-West auch im Verhältnis zum übrigen Bundesgebiet, die spezifische Prägung von Berlin-Ost als Hauptstadt der DDR, die Auswirkungen der Entspannungspolitik und die neuen Ansätze in einer zusammenwachsenden Stadt - diese Prägungen werden auch in Abfolge und Charakter unserer Veranstaltungen erkennbar.

Das diesjährige Motto der Woche der Brüderlichkeit 2000 ist aus den Sprüchen der Väter gewählt und lautet aus dem Hebräischen übersetzt "Auf drei (Dingen) Säulen ruht die Welt : Recht, Wahrheit, Frieden". Dieser Denkanstoß ist nicht nur Anlaß für zahlreiche Veranstaltungsangebote, sondern weist auch auf aktuelle Probleme in Politik und Gesellschaft.

Gleiches Recht für alle Menschen zu wahren - Recht auf Leben und freie Entfaltung der Persönlichkeit, Freiheit des Gewissens sowie der Religion und Weltanschauung, Recht auf Bildung und Freiheit des Berufs - das erfordert in einer multikulturellen Gesellschaft ein aufgeschlossenes Interesse füreinander und den Raum für ein selbstbestimmtes Nebeneinander und Miteinander.

Den Weltanschauungs- und Glaubensgemeinschaften ist in Deutschland heute das Recht garantiert, sich entsprechend den Grundsätzen der eigenen Wahrheit selbst darzustellen. Im Interesse des gesellschaftlichen Friedens sollte bei der Wahrnehmung des Rechts auf bekenntnisgeprägten Religionsunterricht aber darauf geachtet werden, nicht Anstoß zu missionarischem Eifer oder politischem "Kulturkampf" zu liefern. Der Unterricht in den öffentlichen Schulen muß im Bereich der Religion und Weltanschauung ein Forum bieten, in dem jede Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft das Recht hat, sich selbst darzustellen. Die Kenntnis und das tolerierende Umgehen mit den religiösen Bedürfnissen und Erwartungen des anderen muß in der Schule geübt werden, um Recht und Frieden im gesellschaftlichen Alltag zu sichern.
In diesem Sinne will auch die Woche der Brüderlichkeit 2000 ein Forum in der multikulturellen Gesellschaft Berlins sein.

Jael Botsch-Fitterling
Jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V.